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Crinellis Kalter Schatten

Ein heranpreschender Krankenwagen, der sich mit einem wilden Hupkonzert Gehör verschaffte, zwang den Fahrer, seinen Wagen an den Straßenrand zu steuern. Je länger der Trip dauerte, desto unruhiger rutschte Crinelli auf der Rückbank hin und her. Er wollte aussteigen und die letzten Meter zu Fuß laufen, aber in dem Wirrwarr aus Menschen und Material wäre er verloren gegangen. Er harrte aus und klopfte dafür mit den Fingerknöcheln immer schneller gegen die Scheibe. Sein linkes Bein wippte auf und ab.

So was haben Sie noch nie gesehen. Kleinert hatte recht gehabt. In all seinen Jahren bei der Polizei hatte es nie etwas Vergleichbares gegeben. Die Wut über den Abzug von »seiner« Leiche kam ihm angesichts des ganzen Durcheinanders auf diesem Gelände inzwischen lächerlich vor.

Blaulicht markierte den eigentlichen Tatort. Dutzende Übertragungsfahrzeuge versperrten den Weg zum Ziel. Crinelli kurbelte das Fenster herunter und streckte den Kopf hinaus. Ein Geruch nach Kohlenmonoxyd hing in der feuchten Luft und legte sich schwer auf seine Lungen. Im schwarzen Nachthimmel schwebten ein halbes Dutzend Helikopter. Die Rettungshubschrauber tauchten aus dem Dunkel auf und gingen über dem Tatort in den Sinkflug über. Die Übrigen umkreisten unaufhörlich die Anschlagstelle. In ihnen saßen die Kameraleute der Nachrichtensender und die Reporter der Boulevardblätter.

Das Blitzlicht eines Fotografen blendete Crinelli. Bunte Ringe tanzten vor seinen Augen. Als er langsam wieder die Konturen seiner Umgebung wahrnahm, bemerkte er das Mikrophon, das ihm der Reporter durch das Fenster hineinstreckte. Der Kommissar knurrte, drückte das Mikro von sich weg und schloss das Fenster. Dann erreichten sie den Unglücksort.

Crinelli war in einer völlig anderen Welt gelandet. Unzählige Spurensicherungsbeamte in ihren weißen Anzügen hasteten über die Wiese. Dazwischen Hundeführer, Grüne, Sanitäter mit Tragen und die Kripo. Im Hintergrund thronte der Zug. Große Scheinwerfer waren auf ihn gerichtet. Der Lärm der Hubschrauber erstickte jeden anderen Laut. Blaulicht tauchte alles in ein nervös zuckendes Licht.

Crinelli überlegte, wohin er zuerst gehen sollte. Unter all den Polizisten erblickte er nur wenige bekannte Gesichter. Von Kleinert keine Spur. Er harrte einen Moment aus – fasziniert, und doch hatte er das Gefühl, hier nicht hinzugehören. Schritt um Schritt ging er in Richtung ICE. Niemand nahm von ihm Notiz. Als er den Hügel unterhalb der Gleise erreichte, hatte Crinelli sich wieder gefangen.

Er besah sich den Zug. Die Täter mussten sehr gut ausgestattet gewesen sein. Modernste Waffen und anderes technisch hochwertiges Gerät. Ein Kugelhagel hatte die ersten drei Waggons regelrecht zerfetzt. Solche Einschusslöcher riss keine kleinkalibrige Munition. Und um die Außenhaut eines fahrenden Objekts zu durchschlagen, brauchte man mehr als nur irgendein großes Gewehr. Über solche Waffen verfügte legalerweise nur das Militär.

Von wo hatten die Täter geschossen? Crinelli drehte sich um und entdeckte in einiger Entfernung die Spurensicherung bei der Arbeit. So grausam sich diese zum Schlachtfeld gewordene Wiese auch präsentierte, der Tathergang war vergleichsweise leicht zu rekonstruieren. Der oder die Attentäter hatten sich hinter einer Reihe von Bäumen so lange versteckt gehalten, bis der Zug nahe genug herangekommen war, um das Feuer zu eröffnen. Zunächst hatten sie die Lok beschossen und da nach die folgenden Waggons der ersten Klasse angegriffen. Großkalibriges Dauerfeuer, den Rest erledigte der fahrende Zug selbst. Ziemlich sicher hatte es den Zugführer als Ersten erwischt, zumindest würde dies das abrupte Bremsen erklären. Crinelli erinnerte sich, dass ein Programm den ICE sofort stoppt, wenn der Mann auf der Lok nicht alle 30 Sekunden einen Knopf drückt und damit ein elektronisches Okay an das Kontrollzentrum der Bahn übermittelt. Der Tathergang war offensichtlich, aber warum schoss jemand auf einen fahrenden Personenzug?

Crinelli atmete zweimal tief durch, dann betrat er das Abteil. Das Erste, was er sah, waren die Scherben. Sie bedeckten Sitze und Boden wie eine geschlossene Schneedecke. Sie lagen auf den Köpfen der Opfer wie kleine Kristalle.

Das Zweite, was er sah, war Blut. Es mischte sich mit dem vielen Glas und schuf so Kunstwerke von verwirrender Schönheit.

Und dann die Stille. Er hatte das Gefühl, als ob selbst der Lärm der Hubschrauber hier nicht einzudringen vermochte. Wenn die Beamten überhaupt miteinander sprachen, dann im Flüsterton.

Er schaute in die Augen eines Mannes, der eine tote Frau im Arm hielt. Daneben weitere leblose Körper, einige völlig zerfetzt, andere saßen immer noch auf ihren Plätzen, als wäre nichts geschehen. Vor ihm im Gang lag ein ganzes Knäuel, als hätten sich alle gleichzeitig auf einen Ball geworfen, den sie jetzt unter sich begruben. Crinelli kletterte über zwei Sitze und bahnte sich so einen Weg durch den ersten Waggon. Dass nicht alle in dem Abteil tot waren, gab ihm etwas Hoffnung. Viele waren aber so stark verletzt, dass die Zahl der Opfer in den kommenden Tagen nochmals steigen würde.

Den Durchgang zum nächsten Abteil versperrten ein junger Mann und ein noch jüngerer Arzt, der bei dem leblosen Körper kniete. Als der Mediziner Crinelli in seinem Rücken bemerkte, sah er zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.

Crinelli wartete, bis der Arzt sich dem nächsten Opfer zuwandte. Der Tote saß in seinem Sitz, als hätte er es sich gemütlich gemacht für eine lange Reise. Die Szene wirkte friedlich, hier hatte niemand Angst gehabt. Kopfhörer hingen lose um seinen Hals. Crinelli verfolgte die Kabel abwärts. Im Schoß des Toten lag ein tragbarer DVD -Player. Crinelli starrte ungläubig auf das Bild. Das Gerät war noch intakt, und auf dem Display gab ein Sänger ein umjubeltes Konzert. The more you ignore me, the closer I get. »Scheiße«, flüsterte Crinelli.

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Buchcover: Crinellis Kalter Schatten
  • ISBN 978-3-462-03984-9
  • Kiepenheuer & Witsch
  • 420 Seiten | KiWi 1028
  • Originalausgabe | Taschenbuch
  • (D) 9,95 | sFr 18,20 | (A) 10,30
  • In allen Buchhandlung erhältlich*
  • Auch als Hörbuch erhältlich

Teil 2 der Crinelli-Reihe

*) Derzeit nur mit alten
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