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Crinellis Tödlicher Irrtum

Crinelli packte lediglich seine Taschenlampe und einen warmen Pullover ein und wechselte die Gummistiefel gegen seineWanderschuhe. Das Outfit seines Schwagers stimmte ihn nachdenklich. Er sah eher aus, als wolle er den Dschungel von Borneo durchstreifen als nach einer Wandertour im Bergischen.
»Ich hoffe, du hast auch an dein Moskitonetz gedacht«, hatte Crinelli ihn launisch begrüßt. Welter trug Armeehosen mit hohen Springerstiefeln, die aber keinesfalls aus Armeebeständen stammten, eher schon aus einer angesagten Boutique. Darüber trug er einen schwarzen Rollkragenpullover und eine Baskenmütze. Die schwarze Schuhcreme zur Tarnung befand sich vermutlich in seinem überdimensionalen Rucksack.
»Was hast du da alles drin? Wenn alles läuft wie geplant,werden wir noch in diesem Jahr zurück sein – hast du nicht zu viel Gepäck?«
»Mach dich nur lustig über mich.Aber erinnere dich bitte später an deinen Spott, dann nämlich, wenn ich für dich die Kiste knacke. Denkst du, das geht von alleine?«
Er öffnete seinen Rucksack, und Crinelli sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen. In dem Sack lag überwiegend technisches Equipment. Neben einer Taschenlampe höchster Qualität, an der noch das Preisschild baumelte, und einem Jagdmesser, mit dem man bequem einen Eber abziehen konnte.
»Keine Knarre?« Crinelli konnte sich die Frage nicht verkneifen, zumal an Welters ärmelloser Jägerweste zu beiden Seiten der Brust Halteschlaufen für Schrotpatronen angenäht waren. »Dafür bist du doch zuständig, aber du wolltest mir ja keine geben. Leider hab ich keinen Waffenschein und auch keine Verbindungen zu den entsprechenden Kreisen. Zu schade, ich würde mich nämlich mit einer Pistole oder einem Jagdgewehr im Anschlag bedeutend sicherer fühlen.«
»Na, wer weiß, vielleicht finden wir ja ein passendes Gerät für dich auf der Hütte«, entgegnete Crinelli und hoffte insgeheim, dass sie wirklich keine Schusswaffen brauchen würden. Seine eigene Dienstwaffe schlummerte unberührt in der häuslichen Schlafzimmerkommode. Macht der Gewohnheit! Er traute eher seinem Kopf als der finalen Logik der Waffen.Welter erzählte er vorerst nichts von diesem Versäumnis.
»Mir läuft der Schweiß bis in die Stiefel«, stöhnte Sebastian Welter, »wie weit ist es denn noch?« Die Männer hatten gerade einmal die Hälfte der steilen Treppe erklommen. Der Himmel hatte sich weiter zugezogen, und die angenehm warme Luft vom Vormittag war einer drückenden Schwüle gewichen. In einem der Nachbartäler ging bereits ein Gewitter nieder, wie fernes Donnergrollen verriet.
»Halt an und ruhe dich etwas aus«, gab sich Crinelli großzügig, »wir sind doch nicht in Eile. Nicht, dass du da oben vor Erschöpfung zitterst und dadurch alles vermasselst.« Die Männer setzten sich auf die Stufen, und während Crinelli zwei Zigaretten anzündete, suchte Welter in seinem Rucksack nach der Wasserflasche.Crinelli trank und spuckte das Wasser sofort wieder aus, kaum hatte der erste Tropfen seine Zunge erreicht.
»Was ist das denn?«
»Isotonisches Getränk. Alle benötigten Elektrolyte drin.Magnesium und so Zeugs. Soll dich voll mobil machen.«
»Das Zeug schmeckt doch wie Scheiße.«
»Der Ausflug ist kein Wunschkonzert, Crinelli. Das Ergebnis zählt, nichts dem Zufall überlassen«, sagte Welter und biss zwischen jedem Zug an seiner Zigarette in einen gigantischen Schokoriegel.
»Nicht, dass du nach dieser Pause die restlichen Stufen hochschwebst wie ein Engelchen, verehrter Schwager.«
Nach einer zweiten Zigarette machten sich die Männer an den weiteren Aufstieg. Zuvor jedoch sammelteWelter noch die Zigarettenstummel auf und schob sie in eine leere Schachtel, die er extra zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Crinelli konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Tat nicht der Erhaltung der Natur diente, sondern ausschließlich derVerwischung aller Spuren. Welter las eindeutig zu viele Kriminalromane.
»Sebastian«, sagte Crinelli leise. Er blieb stehen, atmete tief durch und wartete, bisWelter zu ihm aufgeschlossen hatte. »Wir sind gleich da.Versuch, dich so geräuscharmwiemöglich zu bewegen, achte auf deine Schritte und warte auf mich,wennwir an der Fichte dort oben angekommen sind. Ich gehe weiter und sehe nach, ob die Luft rein ist, erst dann hole ich dich nach, alles klar?«
Welter hatte mit offenem Mund zugehört. Ihm war deutlich anzusehen, dass er den Ernst der Lage begreifen wollte. Crinelli marschierte los. Obwohl es erst kurz vor fünf Uhr war, war es im Wald schon dunkel.Die Wolkendecke war tiefschwarz und ließ nichts Gutes erahnen. Er wollte sich beeilen, um noch trockenen Fußes in die Hütte zu gelangen. Als er vorsichtig aus dem Wald trat, blieb er erschrocken stehen. Er hatte die Möglichkeit, dass sich jemand in der Hütte aufhalten könnte, zwar theoretisch in Betracht gezogen, die Wahrscheinlichkeit aber als eher gering eingeschätzt. Die Kerle mussten wohl den, wie er herausgefunden hatte, auf der Rückseite des Berges gelegenen Hohlweg benutzt haben, um mit ihrem Wagen heraufzukommen. Vorerst konnte er allerdings nicht erkennen, wer von ihnen im Haus war. Es brannte Licht, und lautes Stimmengewirr war zu hören. Die Tür zur Hütte stand sperrangelweit offen. Crinelli versteckte sich hinter dem Baum, der ihm schon einmal Schutz geboten hatte, und hoffte inständig, dass Sebastian sich an seine Anweisung halten würde. Noch während ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging, spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. »Wir sind wohl doch nicht allein, was?«, flüsterte Sebastian ihm ins Ohr. »Bist du irre, mich so zu erschrecken?«, zischte Crinelli erregt, »ich hatte gesagt, warten! Weißt du, was warten heißt?« Erst jetzt sah er seinen Schwager an. Er hatte sich doch tatsächlich das ganze Gesicht mit Erde verschmiert.
»Du bist bekloppt, Sebastian, das hier ist nicht Dear Hunter, das ist die verschissene Realität.«
»Könnte aber bald Dear Hunter werden, wenn du dich mal umdrehen möchtest.«
Crinelli sah zur Hütte und vergaß für einen Moment das Atmen. Jetzt wurde die Lage ernst, und er bereute noch in der gleichen Sekunde, mit einem Laien auf den Berg geklettert zu sein. Er hätte Bohlen,Hammerschmidt, Keller und wen sonst noch alles gebrauchen können, stattdessen befand er sich mit einer Schießbudenfigur am Einsatzort, es hatte begonnen wie aus Kübeln zu gießen, und aus der Waldhütte trugen zwei Männer einen dritten heraus, der ziemlich tot aussah.

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Buchcover: Crinellis Tödlicher Irrtum
  • ISBN 978-3462034868
  • Kiepenheuer & Witsch
  • 448 Seiten | KiWi 877
  • Originalausgabe | Taschenbuch
  • (D) 9,95 | sFr 18,10 | (A) 10,20
  • In allen Buchhandlungen erhältlich
  • Auch als Hörbuch erhältlich

Teil 1 der Crinelli-Reihe