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Wer ist Crinelli?

Mord am Ende der Nacht

Ich reiße die Augen auf und starre ins Dunkel. Als ich das eigene Schlafzimmer erkenne, das sich durch einen Riss in der Decke gleich neben der Lampe enttarnt, legt sich die aufsteigende Angst. Ich liege noch für Minuten bewegungsunfähig, bis das schweißnasse Laken unangenehm erkaltet.

Dieser Crinelli! Jetzt bringt er mich schon um den Schlaf, empöre ich mich, während ich aufstehe und mich aus dem Schlafzimmer stehle, um meine ruhig schlafende Frau nicht aufzuwecken. Ich schleppe mich die Treppen hinauf zur Dachterrasse und trete hinaus in die Nacht. Allein über den Dächern der Stadt. Nur hinter wenigen Fenstern brennt Licht. Die Zeiger der Kirchturmuhr stehen auf viertel nach eins. Keine zwei Stunden Schlaf. Kleine Kältepickel bilden sich auf meiner Haut. Gedankenverloren umarme ich mich selbst und gehe schließlich zurück in die Wohnung.

Im Arbeitszimmer lege ich eine ruhige Jazz CD in den Player, klappe den Laptop auf. Keine Ahnung, was ich hier mache. 26 Tasten und ein paar mehr - genug für einen Mord. Das Display erwacht mit dieser lächerlichen Ouvertüre aus Tönen und nur wenige Befehle später flimmert mein zuletzt geschriebener Satz auf dem Bildschirm:

Crinelli fluchte laut vor sich hin, während er die Überreste seines Fahrrads durch den schmalen Durchgang aus grob zusammen geschraubtem Holz und metallenen Bodenplatten trug, den die riesige Baustelle gnädig für die Fußgänger gelassen hatte. Er hasste die Stadt. Den Mief, den bleiernen Himmel im Winter, die staubige Schwüle des Sommers, die verstopften Straßen und die Gewalt, die, wie eine ständig wachsende Krake, mit ihren aggressiv zuckenden Tentakeln die Straßen und Häuser der Viertel zu erdrücken schien. Aber zurück aufs Land – niemals mehr!

Eigentlich gar kein so schlechter Kerl, dieser Crinelli, der deutsche Kommissar mit den italienischen Vorfahren. Einer mit dem man befreundet sein könnte, einer auf den man Stolz wäre, für den man sich aber auch schon mal schämen müsste. Er spricht wenig, hält sein Innerstes unter Verschluss und unterstreicht doch durch sein Handeln eindrücklich das Interesse an seinen Mitmenschen. Er ist so unangepasst, wie Mann gerne wäre und macht sich dadurch so angreifbar. Er ist hart und leidet, er ist weich und verzweifelt und oft überkommt ihn eine große Wut. Er ist enttäuscht, wo andere nur noch die Schultern zucken, aufbrausend, wo andere ängstlich vor sich hin stieren und verbissen, wo sich seine Kollegen bereits mit der Niederlage ins Bett gelegt haben.

Und weil Crinelli so ist wie er ist, muss er als Einzelgänger durch die Welt gehen. Der einsame Wolf, der die Vorgärten der Gesellschaft sauber hält und dabei zu wenig Zeit für sein eigenes Seelenleben abzweigt, weshalb er lieber am Rhein sitzt und angelt, als seine Ideen und Gedanken in den Augen anderer zu spiegeln.

Dabei kann er lieben. Seine Frau Maria, seine Adoptivmutter Anja, seinen Freund Franz, den Ex-Journalisten. Und er kann achten. Dr. Arne Weymann, den Pathologen oder Giuseppe Ferrara, seinen Kollegen von der Sitte. Nur zeigen kann er seine Gefühle nicht und das macht ihn nun mal so einsam.

Während ich in dieser Nacht schreibe, fühle ich mich ihm nah. Langsam finde ich meinen Rhythmus. Ich spüre das. Meine Unterarme beginnen zu schmerzen, die Muskeln verkrampfen sich, weil die körperliche Mechanik versucht den inneren Bildern zu folgen und dafür nicht über das nötige Geschick verfügt. Das gehört dazu, ist Teil der Arbeit. Ich beginne wieder zu schwitzen, bin mitten in der Geschichte. Ich trinke Unmengen an Wasser und zwischendurch, wenn der Druck auf meiner Brust zu stark wird, einen Schluck Whiskey. Ja, Schriftsteller haben eine Schwäche für den Alkohol. Für mich besteht keine Gefahr. Zu selten sind diese nächtlichen Exzesse und bei Tag nimmt mich die Realität wieder bei der Hand, rückt mich zurecht, gibt mir Erdung.

Schließlich lehne ich mich zurück, lächle, bin zufrieden. Ich schaue auf die kleine Digitaluhr am unteren rechten Rand meines Laptops: 05:04. Das arme Schwein hat ordentlich rübergemacht, ein fast perfekter Mord. Das Feld für Jerôme "Jerry" Crinelli, knapp 40 Jahre alt, Kommissar bei der Kölners Mordkommission, verheiratet, getrennt lebend, ist bereitet.